Endlich passiert etwas, endlich. Du fandest es unerträglich, wie träge die Leute auf der Uni doch geworden waren, wie konform. Sie waren wirklich zu Produkten geworden, der Industrie, der Wirtschaft, ihrer Eltern. Ständig nur damit beschäftigt, Erwartungen zu genügen. Doch jetzt, jetzt stehen sie auf, jetzt „brennt“ die Uni. Versammlungen, Arbeitsgruppen und Plena werden veranstaltet, demonstriert, protestiert, nicht klein beigeben, endlich aufmucken, zu lange leise gewesen. Hier wird wirklich ein Zeichen gesetzt, hier wird wirklich etwas entzündet: durch das Internet verbreitet sich das Feuer über Österreich, und bald wird ganz Europa brennen. Solidarität lebt! Die kalten Anzugmenschen in der Regierung werden ihre Gartenzwerg-Perspektive schon aufgeben müssen, lachst du dir ins Fäustchen. Früher oder später. Hier sind’s nicht mehr ein paar verwirrte ÖHler, hier marschieren Zehntausende für ihr Recht. Für das Menschenrecht auf Bildung, das ihnen vorenthalten wird, schon seit Jahren. Seit Jahren wird schleichend von Brüssel und den Finanzzentren dem Mammon ein Tempel nach dem anderen gebaut, wird schleichend die Demokratie untergraben, die Bildung verwirtschaftlicht. Zu Produkten werden wir gestampft, zu Rädchen im Uhrwerk normiert. Die Leistung zählt, der Output, das Image, die durchdesignte Individualität. Wasserstoffblonde Oberflächlichkeit stöckelt an braven Pullundern und LaCoste-Hemden vorbei, Mensatischgespräche wechseln von amerikanischen Fernsehserien zum nächsten Shoppingnachmittag. Klein, klein, klein. Es stimmt schon, dass hinter ihnen nicht Triebfedern des Konfirmismus stehen, aber sie sind die Kunden von Momos grauen Männern. Sie sind die, die der Krise den Weg geebnet haben, sie sind die, die auch die Krisen der Zukunft mitzuverantworten haben. Wenn wir nicht aufstehen.
Das Feuer in Ehren, mein Freund. Du bist jetzt Mitte zwanzig. Und jetzt hier an der Speerspitze der Gesellschaft. Du bist dir nicht sicher, wie du sie gestalten willst, aber du weißt, dass sie am falschen Weg ist. Du hast es geschafft, viele Leute um dich zu scharen, damit deine Stimme lauter ist. Aber was genau willst du sagen, außer dem „Nein“? Und was, wenn sie nicht einmal das verstehen? Du hast zu schnell gebrannt, mein Freund, das sage ich dir. Nein, reiß nicht aus! Bleib hier, wenn du so eintrittst für das kritische Denken, dann musst du mir zuhören, bis zum Schluss, wenn du es ernst meinst mit „Sapere Aude“, dann musst du hinterfragen.
Ich werde dir jetzt ein Wort vor deine Füße werfen, dass du hasst. Hier ist es, heb es auf. „Elite“ lautet es. Die Herrschaft der Eliten... Ich verrate dir ein Geheimnis: Elite bist auch du. Die Elite einer Gesellschaft, dass sind ihre Wissenschaftler, ihre Ärzte, ihre Anwälte, die Richter, die Ingenieure, die Künstler, die Lehrer, die Dichter und Denker, die kritischen Menschen. Die Studierenden sind die Zukunft dieses Kontinents. Sie sind verantwortlich, und zwar nicht erst in zwanzig Jahren, sondern hier und heute. Auf ihren Schultern liegt die Zukunft. Zwanzig Jahre lang hat dir die Gesellschaft Bildung geschenkt, zwanzig Jahre lang haben Menschen gearbeitet, damit du dich entfalten konntest, damit du stark bist. Sie haben dich an die Spitze gehoben. Und was machst du? Du schreist „Mehr!“ Sie wollen, dass du den Weg zeigst. Doch du pochst auf dein Recht dich weiter zu entfalten. Du behauptest zu schwach zu sein, du verlangst von Leistungsdruck und Konkurrenz ferngehalten zu werden.
Das ist keine Solidarität. Das ist blanker Egoismus.
Nein, sagst du. Genau darum geht es ja: Verantwortung. Dafür zu kämpfen, dass Bildung mehr ist als eine Ware, die man kauft. Dass Studierende mehr sind, als Produkte für den Arbeitsmarkt. Damit Universitäten nicht nur für den Markt arbeiten, für schnell verkaufbare Produkte forschen, und sich stattdessen wieder den Grundfragen der menschlichen Existenz widmen. Sag mir, mein Freund, glaubst du wirklich, dass sich das ändert, wenn du nur lange genug den Zugang zu den Unis offen hältst? Glaubst du im Ernst, dass Menschen in einem Studium weniger eine Ware sehen, wenn sie dafür nicht zahlen müssen? Glaubst du tatsächlich, dass Universitäten nach objektiveren und nobleren Zielen forschen, wenn sie 100%ig vom Staat abhängig sind? Traust du den Menschen in deinem Alter nicht zu, selbst entscheiden zu können, was für sie Bildung ist? Glaubst du, dass eine Frau einen Job nur aufgrund ihres Geschlechts bekommen möchte, und nicht wegen ihrer Persönlichkeit, ihrer Ideen und ihrer Fähigkeiten? Traust du den Menschen nicht die Verantwortung zu, selbst zu bestimmen, ob sie Sklave des Marktes sein möchten oder mit ihrem Wissen und Können die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten wollen?
Du schreist nach Vater Staats starken Armen. Du solidarisierst dich mit dir selbst, wo du dich mit der Gesellschaft und den Steuerzahlern solidarisieren solltest. Du stellst die Frage der Verteilung, um die Frage der Leistung nicht hören zu müssen. Du hast alma mater allzu wörtlich genommen und bist dabei, sie leerzusaugen. Du bist Mitte zwanzig, mein Freund. Es ist langsam Zeit, selbst für sich zu sorgen. Es ist langsam Zeit, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Beginn bei dir selbst, statt andere zu zwingen.
Es gibt in dieser Gesellschaft vieles, das verändert werden sollte. Es gibt in dieser Zeit auf dieser Welt viele Missstände, die bekämpft werden müssen. Es braucht kritische Stimmen und kluge Ideen. Oberflächlichkeit und Konfirmismus bekämpft man nicht mit Gesetzesbüchern. Sie werden auch nicht verschwinden, wenn man den Menschen keinen Leistungsdruck auferlegt. Sie können nur von mutigen Menschen überwunden werden, die Freiheit vorleben, die out-of-the-box denken und Grenzen überwinden. Dafür müssen wir brennen.





