Ich muss sagen, dass ich es kaum glauben konnte, als ich folgende Schlagzeile in der Presse las: „Richter verbannen Kreuze aus Italiens Klassen“.

Nicht, dass mich so etwas schockiert. Es war schlicht und einfach überraschend. Trotz unseres Bekenntnisses zu einer modernen Gesellschaft in Europa und der „Angst“ vor „rückschrittlichem Islamismus“ und wasauchimmer, war und ist es ja immer noch ein Tabu, in Ländern wie unserem schönen Österreich und Italien (der heiligen Insel der Katholiken), überhaupt solche Themen anzusprechen. Im Land der Berge zum Beispiel, übertrifft die Macht der kirchlichen Lobby schließlich alle anderen um ein Weites, egal ob Bauernbund oder Pensionisten.

Immer wieder, wenn sich ein Mutiger wagt, die Stimme gegen die Kirche zu erheben, gibt es eine (anscheinende) Mehrheit in der Öffentlichkeit, die das oft als Affront gegen unsere „christlichen Werte“ sieht.

Im Gegensatz zu den Österreichischen Kirchenvertretern, die ja erst kürzlich wieder vereinzelt den Wunsch äußerten, wieder mehr Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben, sind die Richter des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wahre Gutmenschen. Sie haben endlich einmal das ausgesprochen, was schön längst klar und überall durchgesetzt sein müsste: Es kann nicht sein, dass Kreuze in Schulklassen hängen. Es kann nicht sein, dass wir scheinheilig auf Trennung von Kirche und Staat pochen, während Kinder mit anderen Religionsbekenntnissen ständig darauf hingewiesen werden, dass sie nicht dem entsprechen, das bei uns „Norm“ zu sein scheint.

Natürlich müssen sich unsere Parade-Kirchenverteidiger aus der ÖVP dagegen auflehnen. Was für eine Frechheit! Die obersten Bibelzitierer sind natürlich Vertreter der Religionsfreiheit… Aber! Mal nicht so schnell hier, es hat ja Grenzen. Es geht hier ja nicht um Religion, sonder um Werte… und die kann man ja nicht einfach abhängen, oder? Ja schön und gut, unsere Werte mögen wohl unterbewusst und auch bewusst zu den höchsten Abtreibungsraten in Westeuropa führen aber Himmel Maria und Josef, Werte bleiben Werte! Da denkt man nicht drüber nach, die sind nun halt mal da.

Auch unsere Österreich-Edition der in den U.S.A. an Verbreitung gewinnenden „born-again Christians“, die FPÖ, springt auf den heiligen Zug auf und verteufelt das Urteil.

Als bekennende Atheistin kann ich nur soviel sagen: Endlich. Ich mag wohl neben Moslems und Juden zur anderen größeren Gruppe der religiös diskriminierten gehören, aber ich fühle als wenn mir durch dieses Urteil zumindest ein bisschen mehr Respekt zukommt. Wer weiß, vielleicht muss ich mir irgendwann auch keine Kreuze mehr in Krankenhäusern und Gerichten anschauen. …

Ich denke, wir müssen uns mal bewusst werden, dass unsere Werte eine wahre Religionsfreiheit bis jetzt nicht inkludiert haben. Es ging eher in diese Richtung, um Stephen Colbert zu paraphrasieren: Jeder soll der Religion angehören, die er möchte. Es gibt schließlich hunderte Wege, Jesus Christus als den persönlichen Retter anzunehmen!

Deshalb, um so lauter: Endlich Zeit, für richtige Religionsfreiheit. 

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Chris eingetragen am 7. November 2009 - 03:03

Das meint der Lochgott dazu: http://images.derstandard.at/2009/11/06/1256774583819.jpg ;)

MoritzKlammler eingetragen am 12. November 2009 - 22:40

Ich wollte einen Kommentar schreiben, aber der müsste ein Buch werden und so hab' ich wieder aufgegeben. Danke für den Post und hier [1] noch der Link zur offiziellen Pressemitteilung des EGMR. Ach ja, und falls in meiner ehemaligen Volksschule noch immer jeden Morgen dieses Gebet aufgesagt wird, zu dem Muslime zwar schweigen dürfen, sich aber zumindest erheben müssen, dann sollte man überlegen, dies -- wenn schon nicht aus weltanschaulichen -- dann doch bitte im Sinne der Sprachbildung der Kinder abzuschaffen. Von allen Dichtern, die ungestraft Holperverse schreiben, sind die Autoren von Kindergebeten die Schlimmsten. Aber das führt hier am Thema vorbei...

[1] Pressemitteilung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte: http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?action=html&documentId=857732&portal=hbkm&source=externalbydocnumber&table=F69A27FD8FB86142BF01C1166DEA398649

Ach ja: Und noch ein paar Zitate österreichischer Politiker. (Ohne Kommentar)

* "Wie wir uns weder die Demokratie noch die Rechtsstaatlichkeit nehmen lassen, so lassen wir uns auch nicht unsere christlichen Wurzeln nehmen."
* "Es ist ratsam, solche Urteile zu ignorieren..."
* "Der EMGR ist in wesentlichen Fragen fehlbar..."

Nachzulesen auf: http://diepresse.com/home/panorama/religion/519624/index.do?from=rss

metepsilonema eingetragen am 22. November 2009 - 20:34

Hier wird ein negativer Zusammenhang zwischen der Sichtbarkeit von religiösen Symbolen (in Klassenräumen) und der Freiheit der Ausübung von Religion nahegelegt. Besteht der tatsächlich? Und wenn ja, kann man den etwas deutlicher "zeichnen"?

anihblctb eingetragen am 26. Dezember 2009 - 10:06

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ich halte es fuer eine veroehnung des freiheitsgedankens, zu behaupten, symbole einer anerkannten religionsgruppe duertfen nicht in einer klasse aufgehaengt werden. ich bin zwar fuer die freiheit zum kreuz oder anderen symbolen (anders als der derzeitige gesetzliche und voelkerrechtliche zwang zu ihnen), aber ich kann nicht einsehen, warum man sie vebrieten sollte. und wieso sich jemand liberal nennt, der einen aspekt der religionsfreiheit abschaffen will ist mir noch schleierhafter. ich hatte die whal der julis in erwaegung gezogen, weil mir von einigen von euch versichert wurde, das antiklerikale gehabe des LIFs sei bei euch nicht angesagt. was ich im antragsbuch gelesen habe, hat mir klargemacht, dass die julis fue rmich als katholiken derzeit nicht waehlbar sind.
der obige artikel ist da nur eine weitere spitze - polemisch, wirr und mit der absurden unterstellung arbeitend, die fpoe wuerde durchs kreuzewedeln christlich.
und nein, man muss nicht mutig sein, um hierzulande antikirchlich aufzufallen. man muss gegen keine lobby ankaempfen.

rrtgxoww eingetragen am 27. Januar 2010 - 02:50

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